Tagebuch einer Pflegestelle

Heute möchte ich gerne noch einmal versuchen, Euch auf das Thema „Pflegestelle“ aufmerksam zu machen.
Elena hat sich unserem Knopf angenommen, der auf Grund seiner psychischen Auffälligkeit ein ganz besonderer Hund ist.
Daher möchte ich Euch einladen, Elenas Tagebuch zu lesen. Hier beschreibt sie eindrucksvoll, welchen Herausforderungen sie täglich mit Knopf ausgesetzt ist.
Elena wird uns in regelmäßigen Abständen über Knopf informieren und wir wünschen Euch nachdenkliche, aber auch lustige Minuten.

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News von Knopf

Unglaublich aber wahr: quasi unmittelbar nachdem der Abgabevertrag mit dem Tierschutzhof unterzeichnet und brav die Gebühr für unser (nicht mehr ganz so) neues Familienmitglied entrichtet war, gab es schlagartig einen Entwicklungsschub bei Knopf!

Schon am nächsten Tag begann er damit, völlig energisch das ganze Haus zu untersuchen (was er immer abgelehnt hatte); er war nun in allen Stockwerken einschließlich Keller anzutreffen und schläft jetzt plötzlich nur zu gerne zu Herrchens Füssen unter dem Schreibtisch - ganz oben im Arbeitszimmer unter dem Dach. Noch vor wenigen Tagen unvorstellbar!
Und auch unterwegs schlägt der Knabe plötzlich ein neues Kapitel auf: bisher immer brav und ohne den Hauch eines Ziehens entweder neben oder leicht hinter mir unterwegs gewesen, fragt Knopf nun auf jedem Spaziergang x-fach an, ob es nicht doch super wäre, wenn ER bestimmt, wo’ s denn nun längs geht. Und kriegt genauso oft erklärt, dass genau hier die Freundschaft aufhört und es tatsächlich eine Chefin gibt :-))
Bei meinen anderen Hunden hat mich dieses Verhalten immer genervt - bei Knopf werte ich es als Weiterentwicklung und freue mich über seinen Anflug von Selbstbewusstsein - so ändern sich die Zeiten...

Wenn er es jetzt noch schafft, nicht mehr ins Auto zu kübeln (ja, auch bei kurzen und schönen Fahrten!), dann sind wir happy. Naja, kommt Zeit, kommt Rat; Geduld haben wir ja.

Achja - und ehrgeizige Pläne natürlich auch immer: erklärtes Ziel ist, Knopf irgendwann am Fahrrad laufen lassen zu können, damit der Windhund in ihm endlich raus kann -denn an Freilauf ist ja noch viel länger nicht zu denken.

Zumal sich unsere allerbeste Hunde-Trulla namens Luna ja immer noch nachdrücklich weigert, Spielen mit Knopf auch nur in Erwägung zu ziehen - mit allen anderen immer gerne...

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Was sollen wir sagen; wie die nette Leserin so schön auf der Gästebuchseite geschrieben hatte: Knopf wird bleiben, auch ohne Umzug aufs Land (da muss er sich eben ein wenig zur Decke strecken - alles kann man ja nun nicht haben)! Eigentlich überrascht das auch hier niemanden :-)

Unser Sohn plagt schon ganz lange und meinte, das wären dann gleich zwei Weihnachtsgeschenke auf einen Schlag: eines für ihn und eines für Knopf!

Von (unserer) emotionalen Seite einmal abgesehen, denke ich tatsächlich, dass es ihm den Boden unter den Füßen wegziehen würde, wenn er wieder weg müsste, nachdem er nun endlich "verstanden" hat, wie hier die Uhren ticken und sich im Alltag für seine Verhältnisse entspannt zurecht finden kann.
Luna hilft ihm viel, weil er sich an ihr orientieren kann und ich denke, in einem oder zwei Jahren ist aus Knopf ein "gescheiter" Hund geworden :-))
Aber da muss man sich ja nichts vormachen; dann geben wir ihn sowieso nicht mehr her; also können wir ja auch gleich konsequent sein und leider den Pflegeplatz verbrennen ;-)


Jedenfalls hat es ja Monate gedauert, bis er eine gewisse Lebensqualität hatte und zurecht kam - das wollen wir ihm nicht noch einmal zumuten. Außerdem fügt er sich hier wirklich bestens ein: kein Ärger, keine Zerstörung, kein Katzenmobben, kein Stänkern mit anderen Hunden; nichts. Und wann kriegen wir so einen Hund noch einmal (wir sind nämlich erklärte "Einzel-Hund-Halter")?
Sozusagen eine Win-Win Situation ;-)

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Ich überlegte mir noch, ob ich wohl nachts engeren Besuch von Knopf in meinem Bett bekäme, wenn er nun zum ersten Mal neben mir schlafen würde und wie ich ihn dann so schonend wie möglich wieder entfernen könnte. Das hatte er in der Ferienwohnung im Sommer nur zu gerne gemacht.  Außerdem befürchtete ich, er könnte vielleicht die halbe Nacht herum trippeln, lautstark am Halsband kratzen und all die anderen schönen Dinge, die uns in der Vergangenheit immer dazu gebracht hatten, unsere Hunde aus dem Schlafzimmer raus zu halten (wenn man kleine Kinder hat(te) ist der Nachtschlaf auch ohne Hunde schon unterbrochen genug!).
Aber natürlich war es jetzt wichtig, dass er sich mit dem Liegeplatz bei der Chefin Rückendeckung holen konnte, deshalb ließ ich den Platzwechsel ja auch zu - wenn ich mich auch innerlich schon von einer erholsamen Nachtruhe verabschiedet hatte.
Was soll ich sagen; der einzige Grund, warum ich nicht entspannt durchschlafen konnte, war, weil ich nur darauf wartete, dass es neben mir rund gehen würde und mich wunderte, dass ich so üüüberhaupt gar nichts von ihm hörte! Dieser Kerl ist der Knaller: ich glaube, er hat sich die ganze Nacht nicht einmal umgedreht! Erst als die Nacht wirklich schon um war und ich neugierig liegen blieb, um zu sehen, was passieren würde, begann er leise vor sich hin zu schmatzen. Nachdem ich daraufhin das Licht angeknipst hatte, stand er dann mal von seinem Kissen auf und begann sich mit Blick zur Tür zu kratzen. Das ist sein Zeichen für „ich muss mal“ - kein Wunder, dass uns dieser Kerl anfangs immer in die Wohnung pieselte; er ist einfach zu dezent - man muss ihn schon „lesen“ können. Und wenn man nicht gerade Ohren wie ein Luchs hat, bekommt man das Gekratze über zwei Stockwerke halt nicht mit!
Nix „Lassie“ mit der Leine im Mund - aber das kann ja schließlich auch jeder...

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Es ist jetzt die vor allem für die Hunde leidige Zeit vor Silvester - und es böllert natürlich.
Ich bemühe mich immer, eine Studie in V-Ö-L-L-I-G-E-R Ignoranz und Gelassenheit zu sein, was dann auch erfolgreich dafür sorgt, dass Knopf tatsächlich selbst recht gechillt bleibt. Mal zuckt er ein wenig, manchmal schafft er es auch, es ebenso wie ich einfach zu „überhören“. Aber offensichtlich ist es noch mal etwas anderes, wenn ich gerade nicht dabei bin, wenn es kracht.
So hat mich vorgestern plötzlich und unerwartet ein Hund im Badezimmer besucht und sich leicht besorgt neben mich gesetzt. Das Bad befindet sich im (aus seiner Sicht) zu meidenden 2. Stockwerk; insofern war sein Besuch doch eher ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher war dann, dass Knopf dieses Stockwerk nicht mehr verlassen wollte und sich schon mal in Kinder- und Schlafzimmer umschaute, wo man wohl am besten unterkriechen konnte. Weil ich selbst aber nun endlich zu Bett gehen wollte, organisierte ich noch schnell ein Hundekissen für alle Fälle, rechnete aber damit, dass es nicht genutzt werden würde.
Tjaaaa, falsch eingeschätzt: Knopf sah das Kissen und rollte sich eilig darauf zusammen. Dem tröstlichen Rudel-Schlaf stand also nichts mehr im Weg.

Neulich kam das Herrchen abends nach Hause und meinte, dass Knopf dem Begriff Strassenhund eine völlig neue Bedeutung gäbe ;-) Damit hat er natürlich völlig recht; ich wusste sofort, was er meint.
Und hier für die Nichteingeweihten:
Knopf hat eine Lieblingsseite, auf der er am liebsten (und eigentlich auch ausschließlich) an der Leine gehen kann; unsere rechte. Je nachdem, auf welcher Straßenseite man sich nun befindet und Knopf beschließt, dass auf der bebauten Seite etwas ist, das unbedingt gemieden werden muss, kann das dann dazu führen, dass er über längere Strecken vom Gehweg runter auf die Straße ausweichen möchte. Dass das natürlich an der Hauptverkehrsstrasse, die wir auf jedem Spaziergang nun mal für ein paar Meter nutzen müssen, ehe wir ausweichen können, nicht ganz so gut kommt, liegt auf der Hand.

Also nehmen wir die Leine dann so kurz wie möglich und Knopf hängt sich im Gegenzug derart Richtung Fahrbahn ins Geschirr, dass seine inneren Beine kaum noch den Boden berühren. Gut, dass ich nicht weiß, was die Leute denken, wenn sie uns so sehen - und obwohl ich es mir ausmalen kann, lasse ich es lieber bleiben.

Jetzt wäre es ja leicht zu denken: „dann nehmt doch die andere Straßenseite!“ - Hmhm, klar, aber a) geht das nicht in jeder Situation und b) hat Knopf natürlich auch für diesen Fall eine im wahren Wortsinn todsichere Strategie:
einfach nur für dieses eine Mal jetzt dann doch links laufen, dabei die Leine einmal stramm ums Frauchen wickeln und sich mit allem, was man hat, ins Geschirr lehnen. Diese Technik ist besonders sehenswert, wenn dann noch der zweite Hund dabei ist, seinerseits aber ganz brav (denn aus seiner Sicht gibt es ja keinen Anlaß, die Seiten zu wechseln) rechts weiter geht, wodurch wir dann wenigstens auch jeden noch so breiten Gehweg für einige Meter ganz für uns allein beanspruchen, bis wir uns wieder sortiert haben. Zumal dieses Verhalten ja auch nur ganz selten mit Ankündigung kommt.
Nette Hundehalter weichen uns dann oft großzügig aus, um Knopf nicht noch weiter zu stressen und rufen rüber: „Oh - kein so guter Tag heute?!“ Zum Glück wohnen wir auf dem Dorf und man kennt sich ;-)

Eigentlich hatte ich ja damit gerechnet, nie zu erfahren, was sein Angst auslösendes Problem beim Alleinsein gewesen war; aber als ich ins andere Stockwerk ging, sah ich eine schöne Bescherung:
die riesengroße Geigenfeige (Pflanze), die schon seit mindestens seit 10 Jahren auf einem Treppenabsatz steht und mit einem Haken an der Wand befestigt war, lag längelang auf der Treppe. Das musste einen ordentlichen Schlag getan haben - kein Wunder war der arme Kerl so verstört!
Zuerst überlegte ich mir, ob das vielleicht sogar Knopfs eigenes Werk während einer unbeobachteten Erkundungstour durchs Haus gewesen sein könnte, verwarf den Gedanken dann aber ganz schnell wieder: das passt so gar nicht zu diesem ruhigen Kissenkuschler, der immer froh ist, wenn alles um ihn herum genau so bleibt, wie es bis dato war - Touren durchs Haus gehören einfach nicht in sein Repertoire.

Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass die sowieso schon „kopflastige“ Pflanze einfach zu schwer geworden war und dadurch den Haken aus der Wand gezogen hatte.
Was für ein Pechvogel: warum muss von allen Tagen in den ganzen Jahren, in denen die Feige dort steht, ausgerechnet an dem einen Tag in der Woche, an dem Knopf mal ein paar Stunden allein zuhause ist, der Zufall aber auch so dämlich mitspielen?

Jetzt haben wir natürlich erst mal für ein paar Tage den Salat, bis wir mittels Verhalten (Vorbild + Anwesenheit= Sicherheit) und den entsprechenden Kügelchen unserem kleinen Gallier wieder zeigen können, dass er wenigstens zuhause keine Angst haben muss, dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt.

Als ich gestern von der Arbeit nach Hause kam, fand ich einen völlig verstörten Knopf in der Küche wieder. Er saß total angespannt und innerlich schlotternd in geduckter Haltung dort und freute sich kein bißchen, dass Luna und ich wieder nach Hause kamen - im Gegenteil:
er zuckte bei jeder meiner Bewegungen heftig zusammen, wurde auf Ansprache ganz hektisch; so dass ich sehr schnell aufgab, mich mit ihm zu beschäftigen, um ihn nicht weiter unter Druck zu setzen. Meine Bemühungen, so zu tun, als ob alles in bester Ordnung wäre, zeigten nach einigen Minuten etwas Wirkung und ich setzte mich auf „sein“ Sofa, um zu sehen, ob er denn wenigstens an diesem Ort, den er sonst so zum Ankuscheln schätzt, zu mir kommen und sich etwas entspannen konnte.
Etwas zögerlich fasste er sich dann ein Herz, ließ sich in einer Mischung aus erleichtert und mißtrauisch zu meinen Füssen plumpsen und steckte den Kopf sofort ganz tief unter den Couchtisch.
Klar war nur: irgend etwas musste in unserer Abwesenheit gründlich schief gegangen sein. Ich überlegte, ob vielleicht der Postbote Sturm geklingelt hatte (obwohl er da sonst wenig reagiert) oder ob es draußen geknallt hatte oder ein Vogel an die Scheibe geflogen sein könnte und beschloss schon mal, vorsorglich beim nächsten Mal Alleinelassen die Klingel und am besten auch das Telefon auszustellen. Dann gab ich ihm Aconitum für den Schreck und ging nach einigen Minuten zur Tagesordnung über.
Klingt herzlos, war aber tatsächlich hilfreich, auch wenn er natürlich noch für den Rest des Tages einen empfindlichen Eindruck machte. Aber die größte Angst war ihm genommen.

Jetzt, wo die Tage kürzer werden, stellen wir fest, dass es tatsächlich noch eine Steigerung zu „unsicher“ gibt: einfach mal nach 17 Uhr versuchen spazieren zu gehen!
Knopf findet die Welt im Dunklen noch viel bedrohlicher als tagsüber und besonders Scheinwerfer, aber auch Schattenwürfe von Straßenlaternen oder anderen Lichtquellen verunsichern ihn stark. Ich vermute mal, dass ein Viertelstundenweg in der Dämmerung für Knopf so sein muss, wie ein Zweistundenlauf mit Kopfarbeit für einen Durchschnittshund.
Der arme Kerl ist ja immer sowas von erleichtert, wenn wir ihn wieder wohlbehalten zuhause abgeben; man hat schon fast ein schlechtes Gewissen, dass man ihn überhaupt mit nach draußen nimmt. Aber ehe der selbstreinigende Hund nicht erfunden ist, wird wohl kein Weg dran vorbei führen! Und umso höher ist es zu bewerten, dass Knopf trotzdem immer freiwillig zum Anleinen kommt, wenn die Zeichen auf Spaziergang stehen. Man sieht ihm die innere Zerrissenheit förmlich an, wenn er dann immer wieder unschlüssig wegläuft und wieder kommt und wegläuft.... bis alle Hunde und Menschen startklar sind, vergeht eben schon etwas Zeit.
Dennoch bleibt er tapfer und kommt freiwillig mit, muss nirgends abgeholt werden, sondern kommt zur Tür, unser Held!

Inzwischen ist Knopf quasi ein routinierter Spaziergänger geworden (jedenfalls für seine Verhältnisse) und wir wechseln unsere Gassistrecken absichtlich in einem rollierenden System - aber wenn es geht, baue ich jedes Mal die gleiche Gemeinheit ein: wir gehen unter einem Gerüst durch, das auch noch rechts und links mit Flatterband und Folie abgeklebt ist. Wer braucht schon Agility? Wir haben unseren eigenen Parcours!
Aber im Ernst: eines Tages stand uns plötzlich dieses Gerüst im Weg und ich erwischte mich selbst dabei, wie ich schon instinktiv auf die andere Straßenseite ausweichen wollte. Zum Glück konnte ich mich gerade noch rechtzeitig bremsen und beschloß, es als neue Herausforderung und Lerneinheit statt als Hindernis zu betrachten. Flugs Luna, die souveräne Hündin als unseren Scout voraus geschickt und nichts wie hinterher.
Klar, natürlich fand er es nicht toll, aber ein Drama war’s auch nicht - keinerlei seelische Schäden  ;-) im Gegenteil: wieder was gelernt. Und damit sich das auch festigt, wählte ich ab da so häufig wie möglich den Weg über diese Baustelle - bis sie eines Tages abgebaut war. So ein Mist! Ohne uns zu fragen, ob wir diese Trainingsstrecke nicht vielleicht noch brauchen!
Aber ich habe schon was Neues im Sinn: am Zaun des Kindergartens sind wahrhaft Schrecken erregende Holzkinder befestigt - und Holzbälle! Daran kann Knopf vor lauter Gruseln kaum vorbei gehen - aber denen geben wir’s noch; die können sich darauf gefasst machen, dass wir jetzt öfter kommen :-)

Auch wenn Knopf riesengroße Fortschritte macht (immer bedenken: dieser Hund ging zu Beginn überhaupt nicht spazieren), bin ich doch immer in Gedanken am Planen, welche Lerneinheit jetzt dran sein könnte, und wo wir mit welchen Ideen ansetzen könnten, um seine Erfolge zu beschleunigen - und ich habe viele! Ideen, meine ich.

Aber da gibt es dann noch eine winzige Kleinigkeit zu bedenken: die Ersthündin!

Und ihre berechtigte Eifersucht - zumindest aus ihrer Sicht.
Genau diese (Sicht) bemühe ich mich immer wieder einzunehmen, denn ich finde es sehr großzügig von ihr, dass sie all ihre Ressourcen wie Rudelmitglieder (in Form der Menschen), Schlafplätze, Umgebung und vor allem Zuwendung weitestgehend ohne Murren teilt.
Das ist keineswegs selbstverständlich bei jemandem, der jahrelang als heißgeliebte Prinzessin auf der Erbse die Alleinhündin war.

Und damit das mit der Großzügigkeit und Souveränität auch zuhause erhalten bleibt, schaffe ich Zeiträume, die nur ihr gehören: da gehen wir regelmässig auch mal wieder ganz alleine spazieren und arbeiten miteinander - auch sie wird gefordert und gefördert, denn das steht ihr ja noch immer zu (denn ja: trotz aller Souveränität gibt sie schon auch zu verstehen, dass ihr das nicht immer alles zu 100% passt; wenn sie z.B. auf gemeinsamen Gängen plötzlich auf Durchzug stellt, während ich mit der Konkurrenz beschäftigt bin).
Tja; und deshalb verkneife ich mir auch die verstärkte Bindungsarbeit mit Knopf, die sicher vieles bei ihm beschleunigen würde - weil das ganz sicher nicht gut bei Luna ankäme. Denn auch wenn er vielleicht manches schneller lernen würde, weil ich mich ihm intensiver widmen könnte, wäre das doch alles kein Gewinn, wenn dadurch der Hunde-Haussegen schief hinge, weil Luna ihm das übel nähme.
Dann braucht es eben ein wenig mehr Zeit - aber die hat er ja hier, solange die respektvolle Beziehung zwischen den beiden Hunden nicht flöten geht!

Genau - immer wieder sonntags haben Menschen oft ein wenig mehr Zeit als sonst sich etwas Neues auszudenken... und so erlebt Knopf nun regelmäßig an Sonntagen viiieeele neue Herausforderungen:

weil wir kein eigenes Auto mehr besitzen, mieten wir dann eines bei Carsharing und fahren immer neue Spazierwege an.

Damit trainieren wir zum Einen das Autofahren, was ja sowieso nicht seine Stärke ist und in unserem Alltag kaum vorkommt, und zum Anderen sind wir dann jeweils an immer neuen schönen Wegen unterwegs, die alle schaurig schön interessant und gleichzeitig gruselig sind.

Und dann geben wir´s uns noch zum Abschluß des Spazierganges so richtig: wir gehen Essen. Mit Knopf! Im Biergarten! Jawohl!
Das funktioniert unterschiedlich gut, je nach Umgebung und Tagesform; einmal legte er sich ganz begeistert zu Füssen unserer Tischnachbarin, die zum Glück nichts dabei fand. Allerdings war er völlig von der Rolle, weil sie irgendwann aufstand und ihn verließ - da war auch nicht wichtig, dass seine Pflegemenschen noch immer alle anwesend waren; Knopf war untröstlich, die treulose Tomate!
Aber im Prinzip geht es natürlich jedes Mal besser, wenn wir wieder etwas von ihm fordern; es hilft ihm sehr, dass wir ihn nicht in Watte packen und mittlerweile versuchen, ihn an allem teilhaben zu lassen - auch wenn es eigentlich immer erst mal gegen einen gewissen Widerstand ist.
Sehr hilfreich in Lokalen ist übrigens seine hohe Affinität zu Tischen laugh gebt ihm einen und er ward nicht mehr gesehen...

Jetzt endlich, im Herbst, kommt das, was ich mir den ganzen Sommer für Knopf gewünscht hatte: dass er seinen/unseren Garten auch einmal genießen kann!
Endlich sieht man ihn auch mal in der Sonne liegen, die Nase im Wind oder Richtung Gartenweg, statt hektische Patrouille und Dauerunruhe bzw. den Drang, diesen unsicheren Ort möglichst schnell zugunsten des innen liegenden berühmten Tisches zu verlassen.

Und ich kann gar nicht beschreiben, wie mir das Herz aufgeht, wenn er sich dann mal für ein paar Minuten vergisst und einfach nur das Dasein genießen kann.
Dieses unmittelbare Sein, das im Hier und Jetzt zu leben, das Hunde uns Menschen im Allgemeinen so deutlich voraus haben, ist total entspannend anzusehen. Nur Knopf muss das wohl erst (wieder) lernen! Umso wertvoller sind diese wenigen Augenblicke für ihn und auch für uns!

Gemeinerweise verhindere ich ja manchmal absichtlich den Rückzug, indem ich die Balkontür schließe; je nach Tagesform entscheidet sich Knopf dann entweder doch noch dafür, ein wenig zu schnuppern oder im Gras zu liegen - oder er ist total flexibel und nimmt statt dem Ess- eben den Balkontisch als sicheres Dach über dem Kopf in unsicheren Zeiten....

Wir sind ständig am Beobachten und Hinterfragen: was braucht es JETZT, um Knopf wieder ein wenig weiter zu fördern? Wo können wir Prozesse umstellen, wo ist weniger Schonung und mehr Fordern sinnvoll?
So variieren wir schon seit einiger Zeit die täglichen Spaziergänge, die ursprünglich immer derselbe sein musste um ihm Sicherheit zu verschaffen. Zunächst wichen wir mit Absicht immer wieder leicht vom Gewohnten ab; nahmen einen anderen Nachhauseweg oder liefen den Weg von der anderen Seite her an. Mittlerweile haben wir auch einen zweiten und dritten Weg eingeführt, was Knopf in gewohnter Weise mal besser und mal schlechter bewältigt - aber das kennen wir ja auch vom gewohnten (Erst-) Weg her; bei ihm ist vieles einfach abhängig von seiner Tagesform. Und woran diese sich knüpft, konnten wir noch nicht heraus bekommen; es schwankt eben!
Eine weitere Neuerung ist auch, dass er inzwischen alleine essen darf; also nicht mehr Zwangskontakt über direktes Füttern mit uns dabei pflegen muss. Dazu haben wir uns entschlossen, weil Essen für ihn ohnehin schon Stress darstellt und er mittlerweile zu vielen anderen Gelegenheiten von sich aus den Kontakt zu uns pflegt bzw. herstellt, was er ja anfangs komplett vermieden hat.
Bleibt nur noch die Schwierigkeit, seine Hundefreundin davon abzuhalten, seine Portion gleich mit zu essen, wenn Knopf doch gerade anscheinend so gaaar keine Lust zum Essen hat - und ehe es verdirbt.... :-))

Als ich neulich nach Hause kam, befürchtete ich schon, etwas an den Augen zu haben: Knopf saß auf der offenen Treppe zum Wohnzimmer schon fast im zweiten Stockwerk und sah mich an, als wollte er sagen: „Ja - und?“

Wieder ein Meilenstein: nach so vielen Wochen betritt er nun aus eigenem Antrieb und ohne erkennbaren Anlass wieder „Neuland“. Die ganze Zeit hatte er die Treppe und das andere Stockwerk zur Tabuzone erklärt - um nun plötzlich ganz nonchalant auf eben dieser Treppe zu liegen und den Ausblick zu genießen.

Seitdem treffen wir ihn tatsächlich manchmal im zweiten Stockwerk an; aber immer unverhofft und nur ganz kurz. Sobald wir ihn wahrnehmen fürchtet er sich nämlich ganz schrecklich vor seiner eigenen Courage und muss sich schnell ins Erdgeschoss retten smiley

Und wenn wir dann unterwegs wieder mal so bedauert werden, weil Knopf gerade wieder geduckt durch die Prärie schleichen muss, denke ich immer: Ihr habt ja keine Ahnung!
Natürlich könnten wir uns an allem hochziehen, was nicht klappt: schon wieder eine Panikattacke, schon wieder nicht gut gefressen, schon wieder lieber unter dem Tisch geblieben statt mit in den Garten zu kommen - aber wem nützt das?
Da freuen wir uns doch lieber ganz bewusst darüber, dass er inzwischen den Pansen abholt und statt damit davon zu wetzen, ihn lieber bei uns kaut. Dass er uns jeden Morgen sehr freudig begrüßt, auch wenn er dann am Rest vom Tag nicht mehr gestreichelt werden muss. Dass er aus eigenem Antrieb zur Garderobe kommt, wenn die Zeichen auf Spaziergang stehen, statt sich zu verkriechen. Dass wir ihm sein Geschirr anziehen können, ohne ihn durch den ganzen Raum in die Enge zu treiben - und dass wir inzwischen schon fast „normal“ am gefürchteten Vorderhaus vorbei gehen können.
Und ganz stolz bin ich auf ihn (und ein kleines bißchen auch auf uns), wenn wir irgendwo laufen und er sich so weit entspannt, dass zumindest der „herkömmliche“ Passant ohne besonderes Hundewissen nicht erkennen kann, welches Mimöschen gerade an ihm vorbei geht, weil er in diesem Moment mit entspannter Rute und neutralen Ohren irgendwo schnuppern oder pinkeln kann! Auch wenn diese Phasen meist nur wenige Minuten andauern, weil dann halt wieder ein Blatt vom Baum flattert oder eine ähnliche „Katastrophe“ zu bewältigen ist ...
Die Übergänge zwischen Angsthase und mutigem Hund sind eben fließend!

Knopf bringt etwas in den Menschen zum Klingen; unterwegs bekommen wir jede Menge unterschiedliches Feedback. Manchmal werden wir von allen möglichen Passanten entweder bedauert, oft auch interessiert angesprochen (im besseren Fall) und teilweise sogar belehrt (schlechtere Variante). Letzteres lieben wir sehr; vor allem Knopf, weil diese Sorte sensibler Mensch uns / ihm in der Regel auch noch derart auf die Pelle rückt, dass wir schon überlegen, ob wir uns seinen/ ihren Impfausweis zeigen lassen sollen, ehe wir so eng werden!
Im Ernst: warum glauben die Leute, sie hätten die Lösung für ihn schon dabei? Nämlich in Form ihrer selbst????
Der arme Kerl kann es gebrauchen wie Kopfweh, wenn die ganzen wohlmeinenden Gönner versuchen, ihn auf der Stelle durch Konfrontationstherapie zu kurieren! Und ich stelle immer wieder fest, wie außerordentlich hilfreich es ist (nicht!), wenn da mal jemand von außen drauf schaut und innerhalb von Sekunden auf Lösungen kommt, die ich in mittlerweile fast 10 Wochen Knopf und zwanzig Jahren Tierschutzhunde noch nicht in Erwägung gezogen habe! Zumal ich es auch sehr mag, wenn mich der kleine Kerl in der Zwischenzeit vor Angst dann mit der Schleppleine so lange umrundet, dass ich eigentlich nur noch hüpfend vom Fleck komme und der andere Hund, der ohne Leine geht, inzwischen in einer Mischung aus genervt und gelangweilt seiner eigenen Wege geht - aber da hätte ich vielleicht mal vorher an der Bindung arbeiten sollen, ehe ich mit zwei Hunden unterwegs bin!
Zum Glück gibt es auch noch die anderen: die Tollen, die tatsächlich sofort erkennen, was Sache ist und mit ihrem Verhalten (Wegdrehen, in respektvollem Abstand stehen bleiben oder weitergehen) eine super Lehrstunde für Knopf anbieten, der dann erleben kann, dass es tatsächlich gute (Fern-) Kontakte gibt, die man auch unterwegs pflegen kann.
DANKE an Euch Einfühlsame! Wir freuen uns über jeden Einzelnen von EUCH!

Knopf schlägt momentan fast täglich ein neues Kapitel in seinem Hundeleben auf:

plötzlich entdeckt er die Küche (die sich gefühlte 50 cm neben „seinem“ Esstisch befindet) und schlupft auf diesem bedauerlich wenig Quadratmeter messenden Ort zu uns.
Gerne gerade dann, wenn die halbe Familie dort versucht, parallel das Abendessen zu richten, die Spülmaschine auszuräumen und für die zweite Hundemahlzeit zu sorgen.
Wobei es ihm in keiner Weise um letzteres geht; Essen ist nach wie vor wenn nicht gerade Angst besetzt, dann doch zumindest nachrangig.
Es scheint sich eher um einen Fall von „Dabei sein ist alles“ zu handeln. Angesprochen oder gestreichelt werden muss man da eher nicht, aber man kuschelt sich dann doch gerne mal so von hinten an das Frauchen ran, dass sie beim nächsten Schritt beinahe stürzt. Gut, dass diese Küche so eng ist; da kann sie nicht wirklich umfallen...

Es tut sich was: Knopf verlässt plötzlich freiwillig seinen sicheren Platz unter unserem Esstisch, unter dem er sich wochenlang sicher gefühlt hat, um sich zwischen Sofa und Couchtisch neu zu platzieren.
Das ist deshalb erwähnenswert, weil er an der neuen Stelle viel weniger getarnt und geschützt liegt; schon fast frei zugänglich! Und weil wir hier von acht Wochen selbst auferlegtem „Tischarrest“ sprechen, der sich mit einem Mal von ganz alleine auflöst. Sehr spannend!

Aber vielleicht zahlt sich inzwischen auch seine Diätumstellung auf einen deutlich höheren Kohlehydratanteil in seiner Ernährung aus, die wir mit Beginn des Urlaubs eingeläutet hatten, weil wir den Hinweis darauf lasen, dass zuviel Protein ängstliche Hunde noch nervöser machen kann. Außerdem behandeln wir ihn nach wie vor noch homöopathisch, wenn auch inzwischen mit etwas anderen, dem neuen Zustand angepassten Medikamenten. Und nein; er ist natürlich noch kein komplett gechillter Hund - aber es ist deutlich zu erkennen, dass es ihm besser geht.

Übrigens: nach dem Wechsel vom Ess- zum Sofatisch folgte in den nächsten Tagen auch die Nutzung seines Hundekissens! Wir waren platt!
Und machten prompt den Fehler, ihn lobend darauf anzusprechen: blitzschnell verschwand er wieder unter dem Esstisch, seiner sicheren Festung!

Neulich haben wir uns was getraut: Wir waren bei Freunden eingeladen, die netterweise nichts dagegen hatten, dass ein Panikhund ihren Garten unsicher machen würde, sondern ihn freundlicherweise mit eingeladen hatten.
Erst überlegten wir noch, ob wir uns das wirklich geben wollten; wo doch schon der eigene Garten so gruselig ist. Ich sah uns schon vor meinem inneren Auge, wie immer einer der Pflegeeltern am anderen Ende des Gartens krampfhaft die Leine festhält, um die Schreck-Sauser auszugleichen, während der andere versucht, schnell etwas zu essen und mit den Gastgebern zu reden....

Trotzdem wir sahen auch hier wieder neues Trainingspotential, vor allem das Autofahren betreffend und entschlossen uns, es einfach zu wagen. Im Zweifelsfalle könnten wir ja auch wieder vorzeitig zurück fahren.

Aber: Knopf ist nach wie vor immer wieder für eine Überraschung gut!
Der Abend verlief ausgesprochen ruhig und unproblematisch; wir waren wieder und wieder angenehm überrascht, wie „angepasst“ Knopf sich verhielt - als wäre er schon bei vielen Gartenpartys am Feuerkorb gesessen ;-)
Besonders ein Gast entwickelte sofort eine hervorragende Methode, wenn er beispielsweise an Knopf vorbei gehen musste, weil es keine Ausweichmöglichkeiten gab: er sprach ihn einfach an und kündigte ihm völlig unaufgeregt sein Vorhaben an. Damit konnte Knopf super umgehen, weil er wusste, dass jetzt etwas kommen würde, das ihn betrifft. Das kannte er so ähnlich ja auch von uns - aber wir waren total begeistert vom Einfühlungsvermögen dieses Menschen, der keinen eigenen Hund hat und dennoch genau spürte, was gerade gebraucht wird.
Und so wurde ein schöner Abend mit Freunden auch noch zu einer tollen Erfahrung für Knopf, der sich in der Fremde gerne noch ein wenig enger an uns anschloss und am Ende mit dem komischen Auto-Dings wieder zu Hause abgeliefert wurde - und zwar ohne sich zu erbrechen!

Sehr spannend: der Urlaub (dem ich Knopf ursprünglich am liebsten gar nicht ausgesetzt hätte), hat sich als sehr segensreich erwiesen. Dort und auch im Nachgang hier hat sich so viel an Verhaltens- und auch Sichtweisen bei ihm und bei uns verändert, dass ich mir sicher bin, dass wir das alles ohne diesen erzwungen Umgebungswechsel nicht erreicht hätten. Jedenfalls nicht in dieser Geschwindigkeit.

Auf eine Kleinigkeit hätte ich allerdings gut verzichten können: als wir mal wieder in trauter Zweisamkeit am Sofa saßen (Knopf wie immer an meinen Füssen), kam in bewährter Weise der alte Familienkater vorbei, um sich auf dem Sofa nieder zu lassen. Und plötzlich begann völlig unerwartet der Sekunden-Krimi:

Kater sprang Richtung Sofa und Knopf völlig unvermittelt im selben Moment Richtung Kater - das Gebiß einmal komplett ausgepackt und in die Luft klappernd - so hatte ich ihn noch nie gesehen.
Doch bevor ich mich so richtig erschrecken konnte, hatte ich auch schon reagiert, mich zwischen die beiden „geworfen“ und Knopf lautstark verbal zusammengefaltet. Der Platzverweis war gar nicht mehr nötig; in Sekundenbruchteilen war der Selbstüberschätzer blitzschnell unter dem Tisch verschwunden. Uff - gut, dass die Intuition manchmal das Richtige ankickt, denn zum Überlegen war ja keine Zeit: hatte doch dieser Stinkbiber mich und das Sofa zu seinen persönlichen Ressourcen erklärt, die er dann mal eben gegen unseren Katzen-Opa verteidigen wollte! Da war ich noch im Anschuss platt; das hätte ich mir bei diesem Schisser nicht träumen lassen!

Wir waren sehr gespannt darauf, ob Knopf seine neuen Erfahrungen und auch die neuen guten Gewohnheiten aus dem Urlaub zurück in unseren Alltag übertragen würde, oder ob sich mit der Rückkehr in die alte Umgebung auch die alten Verhaltensweisen wieder einstellen würden.

Jedoch: Juhuuuu!!! Er schaffte es, große Teile seines neu gewonnenen Vertrauens auch in den Karlsruher Alltag zu übertragen! Wie toll - so ein cooler und mutiger Hund! Da ist er wieder; der Löwe(nherz).
Und wir zogen übrigens auch unsere Schlüsse aus dem Erlebten: wir wählen jetzt einen anderen Spazierweg für ihn aus, auf dem er so wenig wie möglich mit beengenden Häusern, Hecken und Straßenschildern oder Masten zu tun hatte - auch wenn dieser Weg nicht so ruhig liegt wie der erste.
Außerdem nehmen wir nun grundsätzlich seine „Therapiefreundin“, unsere souveräne und tiefenentspannte Ersthündin Luna mit, an der er sich orientieren kann und die ihm in schwierigen Situationen einfach durch ihre Anwesenheit Halt gibt, anstatt ihm wie bisher Einzelförderung zu verordnen.

Übrigens waren wir sehr stolz darauf, dass es auf der Urlaubsrückfahrt bei nur dreimal Erbrechen in großen zeitlichen Abständen geblieben ist - und hätten wir nicht ausgerechnet im kurvenreichen Schwarzwald geurlaubt, wäre es vielleicht komplett ausgeblieben.

Manchmal ist man/frau ja wie vernagelt: gestern fiel mir ein, daß es im Schwarzwald überraschenderweise tatsächlich Apotheken gibt! In denen man Medikamente gegen Reiseübelkeit für den Hund bestellen könnte, wenn die vorhandenen nicht geholfen haben...
Also neues Medikament geordert, ruckzuck geliefert bekommen und natürlich gleich ausprobiert!
Wir wagten einen ganz kurzen Fahrtweg mit dem Auto zu einem besonders schönen Spazierweg - und siehe da: der gedopte Knopf schaffte es zwar mit heftigem Speicheln aber ohne sich zu Übergeben an den Ort des Geschehens.
Und auch dort gleich die nächste Überraschung: Knopf ist gar nicht so unflexibel, wie wir ihm immer unterstellen. Nach kurzem anfänglichen Mißtrauen beim Aussteigen konnte er sehr schnell diesen schönen Weg mitten im Wald genießen (für seine Verhältnisse; alles ist relativ!), ab und an mal schnuppern (ganz selten zu sehendes und deshalb erwähnenswertes Verhalten) und sich sehr wundern, als seine Kumpeline Luna auf einer Lichtung den „Hasch-mich“ bekam und wie ein Derwisch voller Lebensfreude durchs Unterholz düste.
Das war für uns alle ein sehr interessanter Nachmittag - wir sehen Knopf jetzt wieder in einem anderen Licht und werden statt Schonung gleich den nächsten Ausflug nebst Fahrtraining folgen lassen.

Und natürlich hoffen wir, dass er dann auf der Heimfahrt weniger gestresst sein wird, weil er Autofahren durch die neuen Erlebnisse vielleicht inzwischen mit etwas Positivem verknüpft - und nicht nur mit Übelkeit und Ausgeliefertsein.

Die Erfahrungen mit der Fahrt lassen interessanterweise NICHTS erschliessen:
Knopf geht's bestens hier; er beantragt dass wir bleiben! Ich hab' ihn noch nie so entspannt spazierengehen sehen; wir erkennen ihn gar nicht wieder - er ist ein völlig anderer Hund!
Das ist hier wirklich auf dem Land; freie Felder wohin das Auge blickt und nur wenige Häuser. Sobald wir die hinter uns gelassen haben, kann er interessiert schnuppern, Geschäfte erledigen und sich fast wie ein ganz normaler Hund benehmen - wir können' s kaum glauben.
Wo ich vor dem Urlaub gesagt hatte, ein Wechsel seiner Pflege- oder Endstelle wäre derzeit absolut nicht vorstellbar, würde ich jetzt bei Interessenten, die auf dem Land leben, ernsthaft in Versuchung kommen, ihm das zu ermöglichen! Es wäre wahrscheinlich tatsächlich in seinem Interesse (wenn auch nur begrenzt in unserem, weil wir ihn schon so ins Herz geschlossen haben!).
So entspannt und so weit habe ich ihn noch nie gehen sehen - außer vielleicht auf Jess' Video! Hier kann er so richtig Hund sein.
Und zuhause stressen ihn die engen "Straßenschluchten" (und wir wohnen schon sehr dörflich für Karlsruher Verhältnisse!), die Schilder, Masten, Bäume und Hecken, die direkt am Gehweg stehen. Es fällt ihm ja schon sehr schwer, aus unserer Einfahrt hinaus zu gehen, weil das Vorderhaus da mit der Mauer vom Nachbargrundstück eine Engstelle bildet.
Rein kommen ist übrigens genauso schwierig, obwohl er doch sehr erleichtert sein müsste, endlich wieder zurück zu kommen. Ist er auch - aber erst, wenn wir die Einfahrt geschafft haben und er im Hof wieder mehr Luft um sich herum hat.
Tja, Knopf ist wohl bei den richtigen Menschen aber im falschen Umfeld gelandet. Bin gespannt, wie er sich nach dem Urlaub zuhause verhält; ob sich etwas verändert für ihn, nachdem er hier mit uns den anderen Kontext erleben konnte...

Wir sind gut am Bauernhof angekommen! Ich hatte ja so meine Bedenken, ob der arme Knopf überhaupt ins Auto steigen würde; aber da war er ja total unkompliziert. Toll fand er es zwar nicht, aber er rollte sich gleich zu meinen Füssen ein. Ein bißchen Käse half auch beim Überreden.

Aber dann: der Arme! Während der 2 1/2 Stunden übergab er sich gefühlte 200 Mal - er tat mir so leid! Und egal, welche Kügelchen ich dagegen reichte; er kübelte bald wieder. Das war der Mageninhalt der letzten vier Tage! Zum Glück hatten wir genügend Zewa, Eimer und Hundehandtücher dabei. Am Ende gab ich auf und legte nur noch die Handtücher so obendrauf, dass er wenigstens einigermaßen trocken weiterfahren konnte.

Aber er ist wirklich hart im Nehmen. Dort stiegen wir sogar relativ gesittet aus, schafften ohne Panikattacken die ersten Schritte und ein Pipi. Wir sollten aufs Land ziehen!
Ferienwohnung ist auch ok, am besten fand er die Betten, die er ja zuhause wegen der zu überwindenden Stockwerke noch nicht kennenlernen konnte. Hier gleich Kopfsprung ins Vergnügen - nur, um dann postwendend raus getragen zu werden, weil ihm ein Verbalverweis nicht plausibel genug erscheint :-))
Beim dritten Mal wollten wir ihn fotografieren, weil er so süß aussieht - aber wie immer mag er das lieber nicht.

Erschöpfte Grüße aus dem Schwarzwald (vor allem von Knopf, der natürlich noch immer nicht so recht entspannen kann, weil er ja nicht endlich ins Bett darf :-)) auch wenn er an meinen Füßen liegt und nicht weicht)

Falls sich jemand wundert, warum es so wenige Bilder von Knopf gibt: er kann die Kamera nicht leiden (und nein, auch das Handy nicht)! Sobald sie gezückt wird, verzieht er sich unter den Tisch und dreht sicherheitshalber auch noch den Kopf weg. Am Couchtisch bringt er es sogar fertig, wenigstens die Nase darunter zu klemmen, weil der Rest einfach nicht darunter passen will.

Übrigens wollen wir es uns demnächst geben: wir werden mit Knopf in den schon lange gebuchten Bauernhofurlaub fahren!
Ein bißchen Bauchweh habe ich da schon - jetzt hat er hier endlich einigermaßen die Abläufe auf der Reihe und kommt im Alltag soweit zurecht (falls niemand mit ihm spazierengehen will) und nun entwurzeln wir ihn gleich wieder.
Aber Jess, die Fachfrau, die ihn ja gut kennt, meinte, das würde er schon schaffen und wir sollten es wagen. Diese Einschätzung hilft uns durchaus weiter. Auch wenn ich immer noch Plan B habe, falls es schon beim Einsteigen ins Auto eskalieren sollte: aussteigen und zuhause bleiben; zumindest er und ich!

... ist leider noch lange nicht gut gemacht - das geht anscheinend auch erfahrenen „Hundlern“ noch so!

Als Knopf zu uns kam, konnte man auf seinen Rippen sozusagen „Harfe spielen“ - sofern man sie überhaupt anfassen durfte, die Rippen (wahrscheinlich verbrennt sein Dauerstress die Kalorien wie nix). Also flugs beschlossen, den Knaben aufzufüttern, indem wir seine Ration bis auf Weiteres fast verdoppelten, was er auch ganz gut fand. Das Fleisch rutschte super, Reis wurde aussortiert und Karotten geduldet. Also erhöhten wir vor allem den Fleischanteil, denn der kam wenigstens weg.

Weil Lesen bekanntlich bildet und man nie genug wissen kann, lieh ich mir ein Buch über Angsthunde aus und blätterte ein wenig ziellos darin herum - das meiste wußte ich in dieser oder ähnlicher Form bereits.
Doch dann: der Knaller! Hoher Protein-Anteil kann ängstliche Hunde noch zusätzlich nervös machen - aaargh! Und wir hatten uns gewundert, warum dieser Hund jetzt auch nach mehreren Wochen immer noch so hibbelig und hektisch ist!
Dagegen empfiehlt die Autorin täglich eine zusätzliche Kohlehydratmahlzeit (Nudeln, Kartoffeln), weil Kohlehydrate anscheinend ruhiger machen.
Hausgemachte Probleme - bleibt nur zu hoffen, dass die Diätumstellung dann möglichst schnell hilft. Vor allem, weil Knopf nicht wirklich auf Nudeln steht: er sortiert!

Das Essen oder auch nur das Reichen von Leckerchen ist nach wie vor ein schwieriges Thema für Knopf.
Er überlegt immer sehr genau, ob das wirklich so wichtig ist - und wenn ja (vielleicht weil der Ersthund ein wenig den Futterneid schürt), dann nimmt er nur sehr zögerlich und mit deutlich eingeklemmtem Schwanz etwas von uns an.
Wir haben den starken Eindruck, dass er beim Essen schlechte Erfahrungen gemacht haben muss: so viel Angst vor etwas eigentlich Gutem habe ich in den 20 Jahren Tierschutzhunde noch nicht erlebt; beim Essen konnten Ängste sonst meist sehr schnell abgelegt oder doch zumindest verdrängt werden.
Bestimmt wurde Knopf mit Essen gelockt und hat dann nichts Gutes erfahren (z.B. Einfangen) oder/und er bekam Schläge und wurde verjagt, wenn er sich irgendwo etwas zum Überleben stehlen musste. Dieses tiefsitzende Verhalten zu sehen schmerzt uns richtig.

Am besten geht es tatsächlich, wenn wir ihm die Happen unter den Tisch reichen, wo er sich auch immer gerne zu uns legt. Denn irgendwie dabei sein will er ja schon. Da schlagen tatsächlich zwei Herzen in seiner Brust: Das Hasen- und das Löwenherz. Noch überwiegt meist das (Angst-) Häschen; aber bestimmt werden wir auch den Löwen zukünftig öfter sehen!

Knopf scheint weiterhin dicht zu sein - dreimal Pipi in drei Wochen ist keine schlechte Bilanz- ich hoffe, es bleibt so!
Zur Zeit gruseln wir ihn täglich, indem wir sehr früh (wenn noch kein Verkehr ist) einen kurzen Weg mit ihm spazieren gehen. Immer denselben, so abgelegen wie bei uns möglich.
Knopf ist er sehr tapfer und macht notgedrungen mit. Heute war er auch schon etwas entspannter.
Mein Eindruck ist, dass er überhaupt nichts kennengelernt hat und sich wahrscheinlich deshalb vor jedem Windhauch, raschelndem Blättchen, Hauseingängen usw fürchtet - aber ich kann natürlich auch falsch liegen.
Selbst im Garten ist' s ihm die meiste Zeit unheimlich und er bleibt lieber drin, selbst wenn Luna und ich draußen sind... drinnen kann er alles überblicken und die Überraschungen
halten sich in Grenzen. Momentan findet er sogar die offene Balkontür so anstrengend, daß er sich eng zu mir setzen muss.
Ansonsten passt er mit seiner freundlichen und zurückhaltenden Art nach wie vor prima hierher und wir freuen uns über jeden kleinen Fortschritt.
Das ist übrigens der erste Hund, der am Tisch gefüttert wird, mit Käse, den liebt er nämlich sehr (ist nur so unpraktisch in der Hosentasche). Und wir sind dadurch viiieel interessanter-  Not macht eben erfinderisch.

Dafür klappen andere Dinge super gut: unser Sofa ist quasi gleichbedeutend mit Entspannung für ihn geworden. Aber nicht auf der Sitzfläche, denn die ist hier ja nur für Menschen (und den Kater!)... Inzwischen reicht es, wenn ich mich dorthin setze, dann kommt Knopf von seinem Platz unter dem Tisch angewetzt und legt sich mir zu Füssen. Je nach Anlaß lese ich dort, arbeite am Laptop, oder - ganz großes Kino: mache dort meine Mittagspause.

Und dann dauert es nur ganz kurz, bis er ganz tief einschlafen kann - und das sehe ich sonst überhaupt nie! Immer ist er am Beobachten, bestenfalls ein wenig am Dösen, reißt aber beim kleinsten Geräusch die Augen wieder weit auf.

Wenn wir aber am Sofa sind und meine Hand vielleicht auf seiner Flanke liegen kann, schläft er so tief und fest ein, dass er deutlich erkennbar träumt: er rennt im Schlaf, schmatzt und zuckt manchmal so stark, dass ich wieder aufwache
Neulich hat er seine Zunge zwischen den Zähnen vergessen - das sah so süß aus! Und wie immer in solchen Fällen: niemand da zum Fotografieren!

Im Gespräch mit Jess (Hundetrainerin beim Tierschutzhof), die viel Zeit mit Knopf verbracht und schon tolle Erfolge mit ihm erzielt hatte, zeigte sich, dass sich unsere Einschätzungen des Süßen deckten.
Und wir waren übereinstimmend der Meinung, dass es Knopf nichts bringen würde, ihn übermäßig zu schonen, nichts von ihm zu erwarten und ihn einfach auf seinem Lieblingsplatz unter dem Tisch zu lassen, auch wenn er da zufrieden erscheint.
Ohne weiteren Input, was Umgebung etc betrifft, wird er sich nicht weiter entwickeln können. Um sein Selbstvertrauen zu stärken, muss er manche Dinge einfach bewältigen.

Schwierig finden wir als Pflegefamilie, dass es keine kontinuierliche Lernkurve gibt (selbst wenn sie noch so klein wäre): was heute überraschend toll geklappt hat, kann morgen schon ganz schrecklich sein - ohne dass ein Anlaß wie anderes Setting oä zu erkennen wäre.

Super Beispiel: seit das Herrchen als vertrauensbildende Maßnahme das Füttern übernommen hat, kann Knopf nun keine Mahlzeit mehr von mir nehmen. Auch wenn ich diejenige bin, zu der er eigentlich mehr Vertrauen hat und die den ganzen Tag mit ihm verbringt.

Jetzt wäre es ja leicht, das Füttern an den Herrn des Hauses zu übergeben oder das Essen irgendwo hinzustellen, wo er es sich unbeobachtet nehmen kann - aber das bringt ihm eben nichts. Also krieche ich ihm unter den Tisch nach, wo er sich so sicher fühlt, dass er sein Essen dann doch von mir annehmen kann. Bestimmt sind wir ein Bild für Götter :-))

Welche Dinge einem manchmal auffallen: heute war ich total perplex, weil ich gesehen habe, wie Knopf sich im Garten etwas streckt und dehnt - für einen Augenblick bewegte er sich wie jeder andere Hund auch.
Es sagt wohl einiges über ihn und uns aus, dass wir uns schon so an seine dauernd geduckte, möglichst kleine und unauffällige Körperhaltung gewöhnt haben, dass uns ein Gähnen und Strecken so ins Auge sticht!

Ich sollte unbedingt mal mit Jess sprechen und sie nach ihren Erfahrungen mit Knopf fragen; auf den Videos sieht man sehr gut, wie groß sein Vertrauen zu ihr ist.
Hier geht es mal einen Schritt vorwärts und zwei zurück und manchmal auch umgekehrt. Vorgestern war ein super Tag, aber es lässt sich leider nicht wiederholen oder zuverlässig auf einer Sache aufbauen, weil wir oft nicht verstehen, was denn nun so positiv für ihn war, dass er so entspannt sein konnte oder welches Blättchen diesmal daran Schuld ist, dass es ihm den ganzen Tag vermiest.
Vielleicht könnten wir ihm besser helfen, wenn wir ihn genauer verstehen würden.
Aber grundsätzlich geht es schon vorwärts, wenn auch in Ameisenschritten und Zeitlupe - wir würden ihm nur gerne soviel Unterstützung wie möglich dabei geben!

Wir überlegen, ob "Knopfix" nicht aus Gallien stammt, weil er immer Angst hat, der Himmel könnte ihm auf den Kopf fallen :-))
Am schönsten ist es halt immer noch unter dem Tisch. Da drückt er sich zwischen die Stuhlbeine und kann fast den ganzen Wohnbereich im Blick behalten.
Aber immerhin, wenn ich auf dem Sofa sitze, kommt er zu mir und legt sich dazu!
Sitzt sich halt leider so schlecht den ganzen Tag auf dem Sofa, auch wenn ich gerade Ferien habe... und in den Garten, wo ich gerade viel zu tun habe, will er ja partout nicht mitkommen - zu unberechenbar ist alles dort.

Übrigens sind aller guten Dinge ja bekanntlich drei... und seit dem dritten Indoor-Pipi klappt es wieder mit der Dichtigkeit.
Wir erklären uns die Malheurs so: beim ersten Mal haben wir Knopf versehentlich mit Lunas und meiner Abwesenheit die „Stützen im Alltag“ entzogen, obwohl die männlichen Menschen noch im Haus waren. Beim zweiten Mal war Luna wohl im Garten, als ich meinte, im Keller staubsaugen zu müssen und er somit quasi wieder allein war- und beim dritten Mal ist er wohl schlicht und ergreifend morgens übergelaufen, weil er am Abend zuvor partout nach 16 Uhr kein Pipi mehr machen wollte, die Zeit bis halbsieben dann aber wohl doch zu lange war! Hm, ob das wirklich stimmt, weiß nur Knopf - und der schweigt :-))

Tja, die Aufregung hat Knopf wohl auf die Blase geschlagen - oder warum macht er uns plötzlich nach bisher „dichten“ Tagen in die Bude? Oder wollte er uns eine Nachricht senden? Er pieselte nämlich Lunas Decke an, als die mit mir auf dem wohlverdienten, Eifersucht verhindernden Spaziergang war...
Fragen über Fragen, die ich so gerne beantwortet hätte, um die Pinkelei möglichst gleich wieder abzustellen - denn dass er uns etwas damit sagen wollte, lag schon irgendwie nahe. Aber was???? Als er am nächsten Tag noch einmal einpinkelte und ich wieder keinen Grund erkennen konnte, bekam ich so langsam Muffesausen. Wir hatten nämlich vor ein paar Jahren eine Protest pinkelnde Katze und mir war klar, dass wir es nicht noch einmal schaffen würden, mit einem dauer-undichten Tier zu leben. Das hatten wir mit Joe, genannt „Pipi“, nämlich jahrelang zelebriert, bis wir tatsächlich am Rande unserer Kräfte waren. In unserem Reihenhaus mit offener Bauweise kann man nämlich nur sehr wenige Räume vor dem feuchten „Zugriff“ schützen, in dem man einfach die Tür schließt...
Jetzt stellen wir mal sicherheitshalber die aufregenden Spaziergänge (ganze 90 Sekunden und ca. 30 m im Kreis!) wieder ein und hoffen auf dichtere Zeiten.

Apropos mutig: Knopf interessierte sich schnell sehr dafür, was denn hinter dieser (Haus-)Tür passiert, durch die Luna (Ersthund) und Herrchen immer mal wieder verschwinden. Er war hier nämlich durch den Garten angekommen und hatte wohl keine rechte Vorstellung davon, was sich hier verbergen könnte.

Clever wollten wir seine Neugier gleich aufgreifen und ihn naiv mit auf den Hundespaziergang nehmen. Ähm, ja: Versuch und Irrtum eben :-))

Knopf fand die Welt hinter dieser Tür so fürchterlich beängstigend, dass wir ihn nicht dazu motivieren konnten, am Vorderhaus vorbei zu gehen. Also alles wieder zurück und für den nächsten Tag keinen Spazier- sondern einen Hofgang eingeplant, um ihn in kleinen Häppchen auf die große Welt hinter der Tür vorzubereiten.

Das hätte auch klappen können - wenn nicht ein netter Nachbar ihn angesprochen hätte! Trauma über Trauma. Sollte es uns vorher noch nicht klar gewesen sein, wissen wir ganz sicher, wozu so ein „Panikgeschirr“ gut ist! Er tut uns schon sehr leid; immer wieder bremst ihn das pralle Leben aus!

Wer jetzt denkt, dass das nach ganz viel Arbeit klingt, dem sei gesagt: es macht sehr viel Spaß, Knopfs Fortschritte zu sehen, auch wenn sie vielleicht von außen betrachtet mikroskopisch klein ausschauen. Für ihn sind es Meilensteine, die er zurücklegt! Und weil hier immer Angst das zentrale Thema zu sein scheint: wir finden ihn sooo mutig, weil er sich immer wieder auf Neues einlässt, obwohl er sich beinahe in die Hundehose (natürlich nur im übertragenen, nicht im wörtlichen Sinne) macht; weil er trotz wahrscheinlich schlechter Erfahrungen immer wieder wagt, sich auf das Abenteuer Leben einzulassen. Und außerdem ist er einfach ein ganz besonders liebenswerter, freundlicher kleiner Kerl, der uns mit seiner Anspruchslosigkeit sehr rührt! Wenn einer eine ganz große Chance verdient hat, dann ist das er, der garantiert kein bißchen Bosheit oder Heimtücke in sich trägt, auch wenn es ihm aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen bestimmt zustünde!
sogar das Essen. Am liebsten wäre es Knopf, er könnte irgendwie ganz versteckt und klammheimlich seinen Napf leeren - aber da wäre dann schon mal der Ersthund vor, der in Lichtgeschwindigkeit sein eigenes Essen inhaliert, um sich dann mit Wonne über Knopfs Napf herzumachen. Und zum Anderen gibt es dann noch besagtes Pflegefrauchen, das sich so seine Gedanken macht und versucht, Knopfs Ausweichmanöver vor jeglichem menschlichen Kontakt auszuhebeln, indem er sein Futter aus dem Napf essen muss, den sie in der Hand hält - und das ist soooo schwierig. Gäbe es hier kein Rohfutter, säße sie noch immer mit dem vollen Napf da! Der Trick klappte super: Knopf schloss sich ihr erkennbar stärker an, ließ sich auch inzwischen ein wenig streicheln und schaute immer wieder nach ihr, um sich zu orientieren, was denn nun Sache war im Alltag. Allerdings ging der Schuss insofern auch gleichzeitig nach hinten los, als er sich jetzt abends, wenn das Herrchen nach Hause kam, sozusagen mit Kopfsprung hinter den Couchtisch „rettete“. (Was hat das Frauchen denn da gespiegelt ????) Also kehrt, marsch: ab jetzt füttert Herrchen - und siehe da, das Vertrauen in ihn steigt merklich an. Im Englischen gibt es einen Ausdruck: „training on the job“ - und genauso geht es uns gerade: Versuch und Irrtum; neuer Versuch, Beobachten, vielleicht wieder alles hinterfragen und noch mal neuer Versuch.
Wir sind damit beschäftigt uns gegenseitig kennenzulernen. Die Menschen versuchen heraus zu bekommen, was Knopf besonders unter Druck setzt, um das dann vielleicht vermeiden zu können. Knopf versucht inzwischen zu verstehen, wo er denn nun gelandet ist: Sofa tabu und deshalb komplett voll gestellt, damit er nicht doch hinkuscheln kann. Der Ersthund ist freundlich desinteressiert - immerhin mobbt er nicht, aber die Gemeinsamkeiten halten sich in engen Grenzen- und morgens gehen alle aus dem Haus, nur das Frauchen hat anscheinend Ferien und die Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen. Was ihm aber auch etwas unheimlich ist... Und zum Schlafen gehen die in das andere Stockwerk, in das er sich leider üüüüberhaupt nicht traut, obwohl die Treppe selbst nicht das Hindernis sein kann, denn so eine muss er auch bewältigen, wenn er in den Garten möchte. Verzeihung; MUSS - von mögen kann kein Rede sein, denn dort ist ja einfach alles völlig unberechenbar. Nach kurzer Zeit ist nur eines sicher: es ist unmöglich auch nur irgend etwas zu vermeiden, was Knopf erschrecken könnte, denn er hat einfach vor allem Angst - wahrscheinlich auch vor seinem eigenen Schatten. Also beschließen wir in seinem Interesse, dass er eben lernen muss, mit den normalen Geräuschen, Bewegungen und Gerüchen des Alltags fertig zu werden, auch wenn das im ersten Moment hart ist - wir können bei aller Rücksicht ja das Leben nicht aufhalten. Das wird er lernen müssen, wenn er irgendwann sowas ähnliches wie ein "normales" Hundeleben führen möchte.
Prima, die Nacht war ruhig verlaufen - Knopf hielt sogar dicht! Wir waren begeistert. Er leider noch nicht so ganz; denn alles setzt ihn unter Streß: ein Mensch, der die Treppe hinunter ins Wohnzimmer kommt, das Hochziehen der Rollläden, das Öffnen der Balkontür - und Auweia, da musste wohl auch noch jemand niesen! Und dann kommt da noch ein ganz komisches Tier zur Haustür herein und miaut lautstark herum. Eine Mini-Panik-Attacke folgt quasi der nächsten. Aber immerhin klappt die Kommunikation mit dem Kater bestens: Ich tu´ Dir nichts und Du tust mir nichts - das ist doch schon mal eine prima Arbeitsgrundlage! Trotz allem schafft er es irgendwie in den Garten zu kommen und sein Bein zu heben: super! Nicht so super: es war an den Tomaten :-( Naja, aller Anfang ist eben schwer. Und das werden sowohl Knopf als auch seine neuen Menschen in den nächsten Tagen noch öfter denken!
alles ist sehr aufregend - für Knopf, aber auch für die Mitglieder der Pflegefamilie; man kennt sich schließlich bisher nur vom Sehen! Knopf findet den neuen Garten seeehr unheimlich; jedes Blättchen könnte ein Angreifer sein, jeder Windhauch eine ernste Bedrohung - man weiß ja nie! Etwas besser geht es ihm im Haus, wo er sofort versucht, das Sofa in Besitz zu nehmen und sich vor Aufregung erst mal erbrechen muss. Mist; das gute Abendessen, einfach weg! Und das Sofa ist auch kein erlaubter Ort - wo ist er da nur gelandet? Aber da der Ersthund schon nicht aufs Sofa darf, gibt es für Gäste im Sinne der Gleichberechtigung natürlich auch keine Sonderrechte - nicht, dass hier schon erste Eifersucht geschürt würde! Es fiel ihm sehr schwer, die Unruhe mit pausenlosem „Streife-Gehen“ abzulegen. Weil das neue Pflegefrauchen die Nachtruhe für alle Beteiligten in Gefahr sah, gab es erst mal ein homöopathisches „Doping“ - und wer behauptet, das sei alles nur Placebo-Effekt, der sollte sich mal mit Knopf unterhalten, der plötzlich wie abgeschaltet zur Ruhe kommen konnte. Übrigens ist noch immer nicht ganz geklärt, wer da am meisten Mut brauchte, um die Kügelchen in den Hund zu bekommen: das Frauchen, die sich nicht so ganz sicher war, ob Knopf nicht vielleicht schnappen würde, weil er das Gefummel an seiner Schnute so gar nicht witzig fände oder Knopf selbst, als diese fremde Frau ihm in seinem Rückzugsort zwischen Sofa und Couchtisch nachrobbte... aber: alles klappte und die erste Nacht war gerettet!
Knopf hatte ein wenig Pech beim Ankommen in Deutschland und es dauerte, bis er eine Pflegestelle finden konnte, die mit seinen „Panik-Attacken“ umgehen kann. Bei uns ist er gelandet, weil eine freundliche Nachbarin, die ihm sein Ticket aus Rumänien finanzierte, der Meinung ist, er wäre hier perfekt aufgehoben. Nun glauben wir ja nicht alles, was wir erzählt bekommen und hatten außerdem zum Zeitpunkt des Gesprächs gerade keine Kapazitäten für einen zweiten Hund und verschoben das versprochene Kennenlernen auf einige Wochen später (immer in der Hoffnung, daß der Hundeknabe inzwischen jemanden gefunden hätte, der sich um ihn kümmern möchte). Aber die Wochen gingen ins Land und Knopf wartete und wartete - auf uns, wie´s aussah. Nach dem ersten Kennenlernen war klar: dieser arme Knopf braucht dringend eine Auszeit von den anderen Hunden und mehr individuelle Zuwendung, als er auf dem Tierschutzhof bekommen konnte. Mit Stephans Versprechen, daß Knopf zurückkommen dürfte, falls es im neuen Zuhause Probleme mit dem Ersthund oder der Chef-Katze gibt, trauten wir uns mit Knopf zusammen ins kalte Wasser zu springen: drei Tage nach dem Kennenlernen zog er bei uns ein. Nicht wirklich freiwillig, aber dennoch smile

 

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